Zur Bundestagswahl 2013 eine Leseempfehlung

Angesichts der üblichen Wahlkampfmanöver und ihrer inhärenten Verlogenheit empfehle ich die kurze Schrift der französichen Philosophin Simone Weil (1909-1943) (nicht zu verwechseln mit der Politikerin Simone Veil) zu studieren:

„Anmerkung zur generellen Abschaffung der politischen Parteien“. Zürich; Berlin: Diaphanes, 2009.

Zu Ihrer Person siehe den betreffenden Wikipedia-Artikel

Simone Weil kämpfte nicht nur gegen Faschismus und Nationalsozialismus. Ihre Kritik des Marxismus war ebenso radikal. Sie habe sich nach Verkündung des Bankrotts des Marxismus nicht so verhalten, „als hätte es ihn gar nicht gegeben“, bemerkte ihr Übersetzer, der deutsch-jüdische Schriftsteller Heinz Abosch: „In der Verstaatlichung der Wirtschaft sah sie keinen qualitativen Umschlag in die Richtung einer besseren Gesellschaft.“[1] Sie misstraute dem späten Marx und seiner Doktrin, die „kläglich die Gemeinplätze der Religion mit denen der Wissenschaft vermischt“.[2] Denn es werde der Glaube erweckt, „ein moderner Gott namens Fortschritt“ treibe die Dinge nach vorn, „die moderne Vorsehung namens Geschichte mache für sie die Hauptanstrengung.“ Sie unterstellte dem Marxismus „scheinwissenschaftliche Flitter“ und „messianische Beredsamkeit“.

Nicht minder radikal fiel ihr Urteil über die politischen Parteien aus. Kurz vor ihrem Tod am 24. August 1943 verfasste sie im englischen Exil die flammende Streitschrift „Note sur la suppression générale des partis politiques“, die erstmals 1950 publiziert wurde und die in deutscher Übersetzung erst 2009 erschien.[3] Sie nannte keine Parteien beim Namen, denn ihr ging es um die aus ihrer Sicht fatale Konstruktion einer politischen Partei schlechthin. Obwohl sie Nazi-Deutschland und die bolschewistische Sowjetunion mit ihren jeweils brutal herrschenden Parteiapparaten leidvoll vor Augen hatte, ging es ihr nicht um die Unterscheidung von guten und bösen Parteien, sondern um die radikale Kritik von Parteien überhaupt. Als die deutsche Übersetzung zur Zeit der Bundestagswahl 2009 erschien, hielt sich die Verblüffung über Simone Weils Polemik in Grenzen. So billigte ihr ein Rezensent zwar klare Sprache, „rousseauistische Leidenschaft fürs Gemeinwohl“ und Ernsthaftigkeit der Argumentation zu, aber die heutige Parteienlandschaft habe sich durch Kompromisse und pragmatische Lösungen (Stichwort: „Sozialdemokratisierung“) grundlegend gewandelt.[4] Der entscheidende Punkt in Simone Weils „Anmerkungen“ wurde erst gar nicht erwähnt: Ihre Berufung auf die religiöse Erfahrung des „inneren Lichts“ als Richtschnur politischen Handelns. Wer das gegenwärtige Geschäft der politischen Parteien im nationalen wie internationalen Rahmen beobachtet oder gar selbst mit betreibt, wird rasch merken, dass das Befolgen des „inneren Licht“ heute grundsätzlich nicht weniger Mut verlangt wie damals und von den meisten wie damals verleugnet wird.


[1] Simone Weil: Unterdrückung und Freiheit. Politische Schriften. Aus dem Französischen übersetzt und mit einem Vorwort von heinz Abosch. München: Rogner & Bernhard, 1975, S. 17 [Vorwort von Heinz Abosch].

[2] A. a. O., S. 273.

[3] Simone Weil : Note sur la suppression générale des partis politiques. [erstmals publiziert 1950]  [Précédée de] Mettre au ban les partis politiques / par André Breton. [Et suivie de] Simone Weil / par Alain. Paris: Climats, 2006.

[4] Jens Bisky: Überlegungen zum Gemeinwohl. Schafft die Parteien ab! [Rezension zu S. Weil, 2009] süddeutsche.de 22.09.2009 http://www.sueddeutsche.de/kultur/ueberlegungen-zum-gemeinwohl-schafft-die-parteien-ab-1.46157 (5.05.2011)

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